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Instant Payments - die dringend benötigte Revolution des europäischen Zahlungs­verkehrs?

Eine garantierte taggleiche Zahlung ist aktuell nur gegen ein deutlich erhöhtes Entgelt (z.B. über TARGET2) möglich. Diese Fristen gelten jedoch nur für den elektronischen Zahlungsverkehr. Zahlungseinreichungen an Feiertagen, Wochenenden oder außerhalb der Bankarbeitszeiten sind davon ausgenommen.

Für viele Konsumenten ist nicht nachvollziehbar, warum der elektronische Geldtransfer in der heutigen digitalen Welt noch derart viel Zeit in Anspruch nimmt. Zumal es mit Diensten wie PayPal und Co. bereits heute möglich erscheint, innerhalb von Sekunden Geld z.B. an einen Online-Händler zu transferieren. Diese innovativen Finanztechnologie-Unternehmen (Fintech) drängen vermehrt auch an den klassischen Point of Sale (PoS) und versuchen zunehmend die Kunde-Bank-Schnittstelle als Intermediär zu besetzen. In Bezug auf die Echtzeitkommunikation sorgt neben dem Konsumenten insbesondere die digitale Agenda nahezu jedes Unternehmens für eine veränderte Wahrnehmung. Die fortschreitende Digitalisierung und die damit einhergehende alltägliche elektronische Echtzeitkommunikation war es folglich, welche die Europäische Union (EU) gemeinsam mit der Europäische Zentralbank (EZB) Ende 2014 dazu bewegt hat, das Thema Echtzeitzahlungen in den Fokus zu rücken.

Von der Vision zur europäischen Projektierung

Als Geburtsstunde von SEPA Instant Payments gilt das im November 2014 veröffentlichte „White Paper“ der EZB zum Thema kontobasierte Echtzeitzahlung. Mit der Veröffentlichung sollte sichergestellt werden, dass ein einheitliches paneuropäisches Verfahren entwickelt wird, welches auf dem bestehenden SEPA-Verfahren aufsetzt. Beauftragt durch das Euro Retail Payments Board (ERPB), eine Institution unter dem Vorsitz der EZB, veröffentlichte das European Payment Council im November vergangenen Jahres das finale Regelwerk, welches am 21. November 2017 in Kraft treten wird.

Grundsätzliches Ziel von Instant Payments ist die nahezu unmittelbare kontobasierende Transaktion, die innerhalb von zehn Sekunden zwischen den beteiligten Banken final abgewickelt wird. Im Anschluss kann der Zahlungsempfänger über den gutgeschriebenen Geldbetrag verfügen. Der Transfer von Instant-Payments-Zahlungen soll – im Gegensatz zum klassischen SEPA-Verfahren – darüber hinaus rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr zur Verfügung stehen. 

Wesentliche Merkmale des SEPA-Instant-Payments-Verfahren

Nach dem Kraftakt der SEPA-Einführung Anfang 2014 lässt das finale Regelwerk des EPC erkennen, welche erneute Herausforderung die Implementierung von Instant Payments für eine Bank mit sich bringt. 

Die heutigen Zahlungsverkehrs-, Zulieferungs-, und Buchungssysteme der Banken basieren im Rahmen von Massenzahlungstransaktionen auf der Verarbeitung von Sammeldateien in sequentieller Form (Batch Verarbeitung). Dieser Verarbeitungsmechanismus passt nicht zu einer Instant-Payments-Transaktion, da jede Transaktion – ähnlich wie im heutigen Individualzahlungsverkehr über TARGET2 – separat und unmittelbar abgewickelt werden muss. Zusätzlichen gravierenden Implementierungs- und Betriebsaufwand birgt die Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit. Neben dem permanent stattfindenden Transaktions-Workflow (z.B. Prüfung von Kontosperren und -limiten) sieht das Regelwerk keine gesonderten Zeitintervalle für Systemwartung und/oder Release-Wechsel vor. Eine hohe technische und operative Systemresilienz ist folglich unausweichlich.

Im Rahmen der permanenten Verfügbarkeit (24/7/365) bedarf es parallel zur technischen Harmonisierung der bankinternen Systeme auch profunder organisatorischer Veränderungen. Erhöhter Personalaufwand in Form eines Schichtbetriebes ist die logische Konsequenz, da trotz vollautomatisierter Transaktionsverarbeitung ein händischer Eingriff (z.B. bei einer Systemstörung) kontinuierlich gewährleistet sein muss. Darüber hinaus sollten sämtliche Dienstleister in die Betrachtung mit einbezogen werden, die in die Zahlungsverkehrsinfrastruktur integriert sind. Aufgrund der angerissenen Herausforderungen, die im direkten Zusammenhang mit der Instant-Payments-Implementierung stehen, bedarf es einer frühzeitigen und vollumfänglichen Betrachtungsweise. Neben der Modernisierung der IT-Infrastruktur müssen zukünftig auftretende Use Cases tiefergehend beleuchtet werden, damit die Banken nicht in die Rolle des „Backend Providers“ gedrängt werden.

Banken müssen innovativen Ansätzen folgen

Mit der Implementierung von Instant Payments ist es Banken möglich, ergänzt um eine innovative Zahlungsverkehrs- und Digitalisierungsstrategie, das Bankkonto wieder in den Mittelpunkt ihres Angebotes zu rücken. Unausweichliche Voraussetzung muss es daher schon heute sein, das Thema Instant Payments ganzheitlich zu betrachten und lückenlos Bedürfnisse entlang der Prozesskette der Firmen- und Privatkunden aufzudecken. So muss eine Analyse besonders in Situationen  angestrebt werden, in denen die Banken mit dem klassischen SEPA-Verfahren den Verbraucherbedarf unzureichend decken. Entlang der Prozesskette schafft das Instant-Payments-Verfahren in der Konsumenten-Händler-Schnittstelle (Person-to-Business) Potentiale: Im stationären Einzelhandel kann beispielsweise der Einsatz eines Echtzeitzahlverfahrens die Kartenzahlung langfristig ersetzen. Im elektronischen Handel wird häufiger das Smartphone anstelle des „klassischen“ Computers für den Internet-Einkauf eingesetzt. Warum also keine mobil-optimierte Applikation der eigenen Bank im Zusammenspiel mit Instant Payments entwickeln, als eine erste Antwort auf Drittanbieter wie zum Beispiel PayPal? Folglich könnte ohne ein zusätzliches virtuelles Konto eine direkte Buchung auf dem persönlichen Hausbankkonto durchgeführt werden. In der Kommunikation zwischen Privatpersonen (Person-to-Person) ist eine mobile bankübergreifende Zahlungsanwendung ein weiteres Anwendungsbeispiel. Weitere Use Cases im Rahmen von Instant Payments ergeben sich darüber hinaus in der Kommunikation innerhalb und zwischen Unternehmen (Business-to-Business).                       

Nicht zuletzt sollte auch die weltweite Entwicklung als Ansporn dienen, den klassischen SEPA-Zahlungsverkehr um das SEPA-Instant-Payments-Verfahren zu ergänzen. Weltweit wurden bereits funktionierende Instant-Payments-Systeme erfolgreich durch Banken entwickelt. So ist beispielsweise bereits 2008 Großbritannien mit seinem System „UK Faster Payments Service“ an den Start gegangen. Eine Transaktion dauert hier zwischen 15 Minuten und zwei Stunden. Gemäß Definition bedeutet dies zwar nicht  „instant“, jedoch zeigt eine Transaktionsmenge von knapp einer Milliarde Transaktionen ein wachsendes Kundeninteresse.

Noch ist die Teilnahme am Instant-Payments-Verfahren für die europäischen Banken nicht gesetzlich verpflichtend, was wiederum die Gefahr birgt, bei einer abwartenden Haltung erneut den Anschluss zu verlieren.

Selbst wenn sich nach einer ersten Analyse keine positive Wirtschaftlichkeit errechnen lässt, muss das Prinzip der Echtzeitzahlung dennoch detailliert betrachtet werden. Der  Kunde  wird sonst auch weiterhin auf das innovative Payment-Angebot der Drittanbieter zurückgreifen.

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