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Warum Bargeld bleiben wird

Ein Beispiel für diese Vorhersage ist ein Statement von John Cryan, CEO der Deutschen Bank, beim World Economic Forum 2016: Bargeld ist nicht nur teuer sondern auch ineffizient und würde in 10 Jahren vom Markt verschwunden sein. Neue Technologien würden damit das Bargeld besiegen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat diese Diskussion angeheizt. Im vergangen Mai gab sie die Abschaffung des 500-Euro-Scheins bekannt - die Ausgabe soll Ende 2018 eingestellt werden. Die Abschaffung sei sinnvoll, da der Schein laut EZB bevorzugt für illegale Zwecke genutzt wird.

Der Trend gibt dem Bargeld Recht

Doch aktuell ist von einem Trend weg vom Bargeld wenig zu spüren: Verbraucher schätzen es, denn es ist bequem, anonym und wird als sicher wahrgenommen. Weltweit werden 85% aller Zahlungen bar durchgeführt - das Bargeld im Umlauf steigt sogar weiter an. Damit bleibt es uns vermutlich noch längere Zeit als beliebte Zahlungsmethode erhalten.

Die Deutsche Bank hat dieses Thema genauer untersucht (Deutsche Bank Research: „Bargeld, Freiheit und Verbrechen. Bargeld in der digitalen Welt“, Februar 2017): der Euro-Bargeldumlauf stieg in den letzten Jahren deutlich. Zum Ende des 3. Quartals 2016 lag der Euro-Bargeldumlauf bei 1,1 Billionen Euro. Dies ist dreimal so viel wie im 1. Quartal 2003. Da der Bargeldumlauf meist schneller anstieg als das Bruttoinlandsprodukt (BIP), erhöhte sich das Verhältnis von Bargeld zum BIP von 5 % auf 10 %.

Die englische Zentralbank Bank of England kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Nachfrage nach Bargeld ist in den vergangen Jahrzehnten gestiegen, und zwar nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Ländern wie z.B. Australien, den USA und Kanada. Selbst in Schweden, wo mehrere bargeldlose Bezahlmethoden populär geworden sind, ist Bargeld noch immer präsent.

Woher kommt die Nachfrage nach Bargeld?

Aus der inländischen Wirtschaft, aus dem Ausland oder aus der Schattenwirtschaft? Laut Schätzungen der EZB werden 70% des Bargelds im Inland verwendet, und zwar für Transaktionen oder das „Horten“ von Bargeld. Ein Viertel des Bargeld wird im Ausland gehalten, und nur ein kleiner Prozentsatz befinden sich in den Tresoren der Banken.

Mit anderen Worten, es handelt sich bei Bargeld um eine signifikante Größe, der Beachtung geschenkt werden sollte.

Regionale Unterschiede in der Bargeldnutzung

Ländervergleichende Studien der EZB zeigen, dass die Verwendung von Bargeld von Land zu Land sehr unterschiedlich ist. Dabei handelt es sich nicht nur um Unterschiede bzgl. der absoluten Bargeldbeträge, sondern auch um jene Bezahlmethoden, die als Alternative zu Bargeld verwendet werden, wie z.B. Kreditkarten oder Lastschriften. Zu den Gründen für diese Länderunterschiede zählen unterschiedliche Marktstrukturen und Preismodelle.

In Deutschland, der größten Volkswirtschaft der EU, wird Bargeld intensiv genutzt. Obwohl Studien immer wieder darauf verweisen, dass Konsumenten verstärkt das Internet für ihr Bankaktivitäten verwenden, werden doch die meisten Zahlungen mit Bargeld getätigt. Die Studie „Zahlungsverkehrsverhalten in Deutschland“ der Deutschen Bundesbank aus dem Jahr 2016 stellt fest, dass 79% aller Transaktionen in Deutschland Bartransaktionen waren. Und dieses Zahlungsverhalten hat sich seit 2014 nicht nennenswert verändert: damals war der Prozentsatz mit 80% geringfügig höher.

Weg mit dem Bargeld!

Die Befürworter der Abschaffung des Bargelds argumentieren wie folgt:

In einer bargeldlosen Gesellschaft sei es leichter, Geldwäsche und Terroristenfinanzierung zu bekämpfen.

Allerdings gibt es kaum Fakten und Daten, die das Zusammenspiel von organisierter Kriminalität und illegaler Bargeldnutzung belegen. Illegale Aktivitäten sind nicht vom Bargeld abhängig: Kriminellen stehen  bargeldlose Alternativen zur Verfügung, wie z.B. Bitcoin. Deutsche Bank Research weist darauf hin, dass die Abschaffung des Bargelds nur bedeutet, dass Kriminelle neue Methoden finden würden, um Geld anonym zu transferieren. Mit anderen Worten: Betrug folgt der Digitalisierung.

In einer bargeldlosen Volkswirtschaft würde die Schattenwirtschaft reduziert werden oder zur Gänze verschwinden. 

Untersuchungen der Deutschen Bank und Daten aus verschiedenen Ländern zeigen allerdings, dass ein hoher Anteil von Barzahlungen am Gesamtzahlungsverkehr einer Volkswirtschaft nicht immer Kennzeichen eines großen Schattensektors sind. Einige bargeldintensive Länder (wie z.B. Deutschland und Österreich)  haben eine relative kleine Schattenwirtschaft. In Schweden wird Bargeld nur selten genutzt; das Land hat allerdings einen Schattensektor mittlerer Größe. Untersuchungen weiterer Länder liefern unterschiedliche Ergebnisse. Es ist aber klar, dass die Abschaffung von Bargeld allein die Existenz der Schattenwirtschaft nicht beseitigen würde.

Ohne Bargeld gäbe es keine Korruption.

Auch hier zeigen Untersuchungen, dass Bargeld nicht für die Existenz von Korruption verantwortlich gemacht werden kann. In einigen europäischen Ländern scheint die Gleichung „wo viel Bargeld, da viel Korruption“ zwar zuzutreffen. Sie trifft aber nicht für andere Länder zu.

Bargeld ist ineffizient und teuer.

Dieses Statement von John Cryan aus dem Jahr 2016 wird immer wieder als Argument für die Abschaffung von Bargeld zitiert. Trotz zahlreicher Studien zu den Kosten des Zahlungsverkehrs gibt es aber kein eindeutiges Bild über den Anteil der Kosten des Zahlungsverkehrs an den Gesamtkosten einer Volkswirtschaft.

Halten wir am Bargeld fest!

Laut der Studie „Der digitale Deutsche und das Geld“ (2016) der Deutschen Postbank wollen ca. 91% der deutschen Bevölkerung am Bargeld festhalten. Sie verweisen auf folgende Vorteile des Bargeld:

Bargeld ist universell einsetzbar.

Nicht jeder Händler akzeptiert virtuelle Währungen, Kreditkarten, PayPal oder Zahlungen per Mobiltelefon.

Bargeld ist anonym und kann nicht verfolgt werden.

 Dagegen lassen sich digitale Zahlungen leicht verfolgen.

Bargeld bedeutet sicheres Bezahlen, ohne Austausch oder Speicherung von persönlichen und vertraulichen Daten.

Der Händler, bei dem bezahlt wird, braucht weder die Telefonnummer, Emailadresse noch andere Daten zur Identität des Käufers. Digitale Zahlungen könnten dagegen gehackt werden.

Eine bargeldlose Zahlung bedeutet Finalität.

Während Kreditkarten auf dem Prinzip “jetzt kaufen, später bezahlen” beruhen, sind Bargeldzahlungen finale Zahlungen. Ein Zahlungsverzug ist nicht möglich.

Bargeldzahlungen fördern Selbstdisziplin.

Wenn Konsumenten befragt werden, ob sie Barzahlungen oder Bezahlen mit Kreditkarten präferieren, verweisen sie häufig darauf, dass Bargeld sie zwingt, weniger auszugeben. Denn wenn sich die Geldbörse leert, muss der Einkauf gestoppt werden.  Zu hohe Ausgaben sind nur mit Kreditkarten möglich.

Auf Bargeld ist Verlass.

Leider häufen sich in letzter Zeit Berichte, dass das elektronische Zahlungssystem der einen oder anderen Bank ausgefallen ist. Der Konsument hat somit keinen Zugang zu seinem Konto. Bargeldzahlungen kennen diese Schwierigkeiten nicht.

Barzahlungen sind günstiger als andere Bezahlverfahren.

Bezahlverfahren mit Kreditkarte bedeuten häufig Transaktionsgebühren, manchmal auch Zinszahlungen. Dagegen bieten viele Händler spezielle Rabatte, wenn bar bezahlt wird.

Bargeld verhindert Negativzinsen.

Sollten Banken für Guthaben auf dem Konto Negativzinsen erheben, lässt sich dies durch Bargeldnutzung vermeiden.

Hat Bargeld eine Zukunft?

Zahlreiche Studien zeigen deutlich, dass trotz der Zunahme an elektronischen Bezahlverfahren und der Entwicklung innovativer Technologien, Bargeld noch immer beliebt ist. Voraussagen über die Zukunft des Bargeld sind allerdings äußerst schwierig, denn viele Faktoren spielen eine Rolle:

  • Die Entwicklung neuer Technologien, die für Zahlungen verwendet werden können (Zahlen per Mobiltelefon, biometrische Verfahren, tragbare Geräte („wearables“);
  • Neue virtuelle Währungen;
  • Präferenzen der Händler für die eine oder andere Bezahlmethode;
  • Die Strategien der Banken bzgl. Anzahl der Geldautomaten, Filialnetz, Öffnungszeiten der Filialen;
  • Verändertes Verhalten der Verbraucher gegenüber Bargeld;
  • Staatliche Eingriffe  und möglicherweise Beschränkung des Bargeldumlaufes;
  • Sozioökonomische Faktoren wie z.B. Inflation, Vertrauen der Bürger in Verwaltung und Politik.

Soll Bargeld also bereits als obsolet bezeichnet werden? Wohl kaum. Wenn Bargeld sprechen könnte, würde es vielleicht auf das berühmte Mark Twain-Zitat  verweisen:

„Der Bericht über meinen Tod ist stark übertrieben.“

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